top of page

Da-bleiben – ein Versprechen an unser lebendiges Wir

19. Juli
7 Min. Lesezeit



Liebe zeigt sich nicht nur darin, wie wir miteinander umgehen, wenn alles leicht ist.

Sie zeigt sich vor allem in den Momenten, in denen es schwierig wird. Wenn wir verletzt sind. Wenn wir uns missverstanden fühlen, nicht gesehen oder gehört. Wenn Nähe plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. Wenn alte Ängste erwachen und in uns der Impuls entsteht, uns zurückzuziehen, Mauern zu errichten oder alles infrage zu stellen.


Gerade dann entscheidet sich, ob eine Beziehung nur ein schöner Ort für gute Zeiten ist – oder ein geschützter Raum, in dem auch Heilung und Entwicklung möglich werden.

Berit und ich haben für unsere Ehe einen gemeinsamen Leitsatz formuliert:

„Wir geben uns in unserer Ehe liebevoll Freiheit und Selbstbestimmung in einem geschützten, heiligen Beziehungsraum. Dabei beziehen wir einander bewusst mit ein, bleiben miteinander verbunden, im besten Falle liebevoll und tragen gemeinsam Verantwortung für unser lebendiges Wir. Auch und gerade dann, wenn es schwierig wird, bleiben wir da. Das ist unser gemeinsames Versprechen für die Heilung und das Wachstum unserer Ehe.“

Dieser Satz ist für uns kein romantisches Ideal.

Er ist eine bewusste Ausrichtung. Eine Erinnerung. Und manchmal auch eine Entscheidung, die wir immer wieder neu treffen müssen.


Da-bleiben ist eine bewusste Entscheidung


Da-bleiben ist nicht nur eine Entscheidung für den gegenwärtigen Moment.

Es ist auch eine Entscheidung für morgen.

Mein(e) Partner(in) und ich wissen: Wir bleiben. Wir haben uns miteinander verabredet, diesen Weg zu gehen. Nicht blind, nicht aus Abhängigkeit und nicht um jeden Preis. Sondern aus einer bewussten inneren Haltung heraus.


Wir entscheiden uns dafür, unsere Beziehung nicht bei jeder Krise grundsätzlich infrage zu stellen. Wir wollen nicht aus einer momentanen Emotion heraus etwas beenden, das uns wichtig und heilig ist.

Dieses Wissen schenkt Halt und gibt Sicherheit.


Es bedeutet:

„Auch wenn es gerade schwer ist, muss ich nicht befürchten, dass unser gemeinsames Fundament bei jedem Konflikt zusammenbricht.“


Da-bleiben heißt für uns deshalb:


  • Wir geben uns Zeit.

  • Wir lassen Entwicklung zu.

  • Wir vertrauen darauf, dass Gefühle, Situationen und Sichtweisen sich verändern können.

  • Und wir bleiben bereit, uns immer wieder neu aufeinander einzulassen.


Da-bleiben heißt nicht, dass alles bleiben muss


Da-bleiben bedeutet nicht, dass wir jede Situation hinnehmen müssen.

Es bedeutet nicht, die eigenen Grenzen aufzugeben, sich selbst zu verleugnen oder respektloses Verhalten zu dulden.

Gewalt, Missbrauch, Demütigung und fortgesetzte Grenzverletzungen müssen nicht ausgehalten werden. Ein geschützter und heiliger Beziehungsraum kann nur dort entstehen, wo beide Menschen grundsätzlich bereit sind, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen.

Da-bleiben bedeutet auch nicht, dass sich nichts verändern darf.

Im Gegenteil: Gerade weil wir da bleiben, kann Veränderung geschehen.

Wir bleiben nicht bei jedem alten Muster.

Wir bleiben nicht bei jeder verletzenden Reaktion.

Wir bleiben nicht in starren Vorstellungen davon, wie unser Partner sein müsste.

Wir bleiben in Beziehung.

Wir bleiben ansprechbar.

Wir bleiben bei uns.

Wir bleiben in der Lebendigkeit.

Und wir bleiben bereit, einander wieder zu begegnen.


Nicht jede Emotion ist eine endgültige Wahrheit


In einem emotional aufgewühlten Moment kann sich alles endgültig anfühlen.

Ein Streit scheint plötzlich die gesamte Beziehung infrage zu stellen. Eine Verletzung lässt uns glauben, dass es nie wieder gut werden kann. Distanz fühlt sich an wie das Ende der Liebe. Wut flüstert uns zu, dass wir sofort handeln müssen.

Doch Emotionen sind Bewegungen.

Sie entstehen, erreichen einen Höhepunkt und verändern sich wieder. Sie sind wichtig und wollen wahrgenommen und gefühlt werden. Aber sie müssen nicht immer unmittelbar in eine endgültige Entscheidung verwandelt werden.


Deshalb bedeutet Da-bleiben für uns auch:

Wir treffen keine unumkehrbaren Entscheidungen mitten im Sturm.

Wir geben dem, was gerade da ist, Raum. Wir lassen es sich zeigen. Wir hören hin. Wir warten, bis wir uns selbst wieder wahrnehmen können. Und erst dann schauen wir gemeinsam darauf, was wirklich notwendig ist.

Nicht jedes „Ich kann nicht mehr“ bedeutet, dass die Liebe vorbei ist.

Manchmal bedeutet es lediglich:

„So, wie es gerade ist, kann es nicht weitergehen.“

Und genau darin kann bereits der Beginn einer Veränderung liegen. Es ist ein Akt der Bewusstheit.


Alles darf zunächst da sein


Im Paargarten muss nicht jedes unangenehme Gefühl sofort beseitigt werden.

Traurigkeit darf da sein.

Wut darf da sein.

Angst darf da sein.

Enttäuschung darf da sein.

Auch das Bedürfnis nach Abstand darf da sein.

Was wir fühlen, ist nicht automatisch eine Gefahr für unsere Beziehung. Gefährlich wird es häufig erst dann, wenn Gefühle keinen Raum bekommen, verleugnet oder gegeneinander verwendet werden.

Da-bleiben bedeutet deshalb nicht, dass wir uns ständig nah sein müssen.

Manchmal heißt Da-bleiben:

„Ich brauche gerade Zeit für mich. Aber ich verlasse unser Wir nicht.“


Oder:


„Ich kann dir im Augenblick noch nicht antworten. Aber ich komme auf dich zurück.“


Oder ganz schlicht:

„Es ist gerade schwer zwischen uns. Doch ich bin noch hier.“

Solche Sätze können zu Brücken werden. Sie sind der Halt im Sturm. Sie sind das Heil in der Wunde.

Sie verbinden Freiheit mit Verlässlichkeit, Selbstbestimmung mit Verantwortung und persönlichen Raum mit dem Schutz der Beziehung.


Sicherheit entsteht zwischen uns


Es gibt im Leben keine absolute Sicherheit.

Keiner von uns kann garantieren, was morgen geschieht. Menschen verändern sich. Das Leben verändert sich. Auch Beziehungen verändern sich.

Und dennoch können wir einander Sicherheit anbieten.

Nicht als Garantie dafür, dass niemals etwas Schwieriges geschehen wird. Sondern als Haltung:

„Ich verschwinde nicht einfach, wenn es unangenehm wird.“

„Ich benutze Trennung nicht als Drohung.“

„Ich beziehe dich in das ein, was unsere Beziehung berührt.“

„Ich nehme deine Gefühle ernst, auch wenn ich sie nicht vollständig verstehe.“

„Ich übernehme Verantwortung für meinen Anteil.“

Beziehungssicherheit entsteht in einer Wechselwirkung.

Wenn ein Mensch Sicherheit anbietet, fällt es dem anderen häufig leichter, ebenfalls Sicherheit anzubieten.

Wenn einer den Kreislauf aus Angriff, Verteidigung, Rückzug und erneutem Angriff unterbricht, kann ein neuer Raum entstehen.

Frieden beginnt, wenn einer aus dem alten Kreislauf aussteigt.

Ähnlich kann Sicherheit entstehen, wenn einer beginnt, Sicherheit anzubieten.

Vielleicht beginnt einer damit, langsamer zu sprechen.

Vielleicht hört einer auf, Recht behalten zu wollen.

Vielleicht bleibt einer sitzen, obwohl der innere Impuls zum Davonlaufen stark ist.

Vielleicht sagt einer:

„Ich bin verletzt. Aber ich möchte dich nicht verletzen.“

Damit ist noch nicht alles gelöst. Doch etwas verändert sich.

Der alte Kreislauf wird nicht weiter genährt.

Eine neue Erfahrung wird möglich.


Wie Wasser – beweglich und verbunden


Da-bleiben bedeutet für uns nicht, starr zu werden.

Es bedeutet, wie Wasser zu sein.

Wasser hält nicht an einer einzigen Form fest. Es bewegt sich. Es umfließt Hindernisse. Es findet neue Wege. Manchmal ist es still, manchmal kraftvoll. Doch es bleibt seinem Wesen treu.

Auch wir dürfen uns in einer Beziehung verändern.

Wir dürfen neue Bedürfnisse entdecken, alte Überzeugungen loslassen und miteinander eine neue Form des Zusammenlebens finden.

Wir müssen nicht dieselben Menschen bleiben, die wir zu Beginn unserer Beziehung waren.

Aber wir können uns versprechen, einander in diese Veränderungen einzubeziehen.

Wir entwickeln uns nicht heimlich voneinander fort.

Wir wachsen miteinander – manchmal nah beieinander, manchmal mit etwas mehr Abstand, aber innerhalb eines bewusst geschützten Beziehungsraumes.

Für Berit und mich gehören dazu Monogamie und Treue.

Nicht als Gefängnis, sondern als klare Entscheidung für einen Raum, in dem unsere gemeinsame Entwicklung, unsere Heilung und unsere Intimität geschützt sind.

Unsere Freiheit findet nicht außerhalb unseres Wir statt.

Sie darf innerhalb unserer Beziehung lebendig werden.


Wenn wir unserem Partner davonlaufen


Oft glauben wir, wir müssten nur die Beziehung verlassen, damit ein schmerzhaftes Gefühl verschwindet.

Doch viele unserer Themen tragen wir in uns.

Unsere Angst vor Ablehnung.

Unsere Sehnsucht nach Anerkennung.

Unsere alten Verletzungen.

Unser Bedürfnis nach Kontrolle.

Unsere Angst, nicht zu genügen oder verlassen zu werden.

Wenn wir unserem Partner reflexartig davonlaufen, laufen wir deshalb manchmal auch einem Teil von uns selbst davon.

Das bedeutet nicht, dass jede Beziehung fortgeführt werden muss.

Aber es lädt uns ein, vor einer endgültigen Entscheidung ehrlich zu fragen:

Fliehe ich gerade vor diesem Menschen – oder vor dem, was die Begegnung mit ihm in mir sichtbar macht?

Was möchte in mir gesehen werden?

Welche Wahrheit habe ich bisher nicht ausgesprochen?

Welche Grenze muss ich liebevoll und klar benennen?

Welche Verantwortung gehört zu mir?

Da-bleiben beginnt nicht beim Partner.

Da-bleiben beginnt bei mir selbst.


Nur wenn ich bei mir bin, kann ich bei dir sein


Bei sich zu bleiben bedeutet, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, ohne sie dem anderen vollständig aufzubürden.

Es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, ohne den Partner dafür verantwortlich zu machen, jeden inneren Mangel zu beheben.

Es bedeutet, Grenzen zu erkennen und auszusprechen.

Es bedeutet aber auch, das Herz nicht zu verschließen, nur weil wir Angst haben, erneut verletzt zu werden.

Wenn ich mich selbst verlasse, kann ich auch dir nicht wirklich begegnen.

Wenn ich mich selbst nicht fühle, kann ich dich nur aus meinen Erwartungen, Ängsten und Projektionen heraus sehen.

Darum ist das Da-bleiben bei sich selbst die Voraussetzung für das Da-bleiben beim anderen.

Nicht im Sinne eines Festhaltens.

Sondern als Präsenz.

„Ich bin hier.“

„Du bist dort.“

„Und zwischen uns befindet sich unser lebendiges Wir.“


Wurzeln für gemeinsames Wachstum


Eine Beziehung braucht Freiheit, damit sie atmen kann.

Aber sie braucht auch Verlässlichkeit, damit sie Wurzeln bilden kann.

Ein Baum wächst nicht, weil er bei jedem Sturm seinen Standort wechselt.

Er wächst, weil seine Wurzeln ihn halten, während seine Äste sich bewegen dürfen.

So verstehen wir unser gemeinsames Versprechen.

Unser Da-bleiben gibt unserer Beziehung Festigkeit, Halt und Richtung.

Es schafft einen Boden, auf dem wir uns entwickeln können.

Nicht, weil wir einander besitzen.

Nicht, weil Veränderung verboten wäre.

Sondern weil wir uns immer wieder bewusst füreinander und für unser gemeinsames Wir entscheiden.

Auch und gerade dann, wenn es schwierig wird.

Vielleicht ist das eine der tiefsten Formen der Liebe:

Nicht zu sagen:

„Du musst so bleiben, wie du bist.“

Sondern:

„Du darfst dich verändern. Ich darf mich verändern. Und wir wollen uns dabei nicht verlieren.“

Da-bleiben heißt:

Ich bleibe bei mir.

Ich bleibe in Verbindung mit dir.

Ich bleibe bereit, unserem Wir immer wieder neu zu begegnen.

Und ich entscheide mich nicht nur heute für uns, sondern auch für den gemeinsamen Weg, der vor uns liegt.


Berit & André Rehfisch

Paargarten – der heilige Beziehungsraum


Eine Einladung für euch


Nehmt euch einen ruhigen Moment und beantwortet euch nacheinander diese Fragen:


Was bedeutet Da-bleiben für mich?

Was brauche ich, um mich in unserer Beziehung sicher zu fühlen?

Wie kann ich dir Sicherheit anbieten, ohne mich selbst aufzugeben?

Was bedeutet unser gemeinsames Versprechen für morgen?


Hört einander zu, ohne sofort zu erklären, zu verteidigen oder eine Lösung finden zu müssen.

Vielleicht beginnt das Da-bleiben genau dort:

In einem Augenblick, in dem zwei Menschen sich wieder wirklich zuhören.

 
 
 

Kommentare


bottom of page